Warum Denkwerkstatt?

Der eigentliche Grund für mich, eine Denkwerkstatt zu gründen, ist meine ganz persönliche Erfahrung, wie wertvoll es für die eigene Entwicklung ist, das Philosophieren kennen zu lernen.

In der Antike bedeutete Bildung, die beste Version seiner Selbst zu werden. Unsere Ausbildung und Weiterbildung im Hinblick auf ein bestimmtes berufliches Ziel, unsere ein-ge-tacktete Arbeitswelt und die hektischen Bilder und Berichte, die täglich auf uns einströmen, lassen uns wenig Raum, daran zu arbeiten, die beste Version deiner Selbst zu werden. Sich selbst zu bilden ist weit mehr als sich ausbilden zu lassen. Sich um seiner selbst Willen zu bilden, hat keinen ökonomischen Nutzen und Zweck. Es geht nicht darum, etwas zu können, sondern darum, etwas zu werden.

Für mich war und ist die Auseinandersetzung mit Philosophie und mit den Werken einiger großer Denker in diesem Sinne Selbstbildung um ihrer selbst Willen. Diese Erfahrung möchte ich gerne in meiner DENKWERKSTATT weitergeben. Ich möchte jedem, der dazu Lust hat, einen alltagstauglichen Rahmen schaffen, um einmal in den Kosmos der philosophischen Denker hineinzuschnuppern. Sie bekommen Gelegenheit, wichtige Gedanken großer Denker kennenzulernen und sich von ihnen anregen zu lassen. Meine Denkkurse, Denkabende und Einzelgespräche sollen Orte werden, in denen man sich in Ruhe einmal (wieder) der eigenen Selbstbildung widmen kann, ohne unmittelbaren Zweck, sondern um ihrer selbst Willen. Und es geht mir mit meiner Denkwerkstatt noch um etwas anderes. Ich möchte Räume für Dialog schaffen. Beim Dialog geht es um Begegnung und Resonanz. Gemeinsam über eine Sache nachzudenken, schafft mehr als die Summe aller Traktate, die die einzelnen in ihrer Stube ausdenken könnten. In der Begegnung entwickeln wir immer bessere Versionen unseres Selbst. Das Gespräch ist ein idealer Ort für Selbstbildung.
Darum freue ich mich ganz besonders auf die Begegnung mit Ihnen.

Was heißt Denken?

Selbstbildung hat etwas mit dem eigenen Denken zu tun. Sie beginnt damit, über das Denken an sich nachzudenken, wie es Philosophen in aller Welt und zu allen Zeiten getan haben. „Was aber bin ich demnach?“, fragte einst Descartes. „Ein denkendes Wesen! Was heißt das? Nun, ein Wesen, das zweifelt, einsieht, bejaht, verneint, will, nicht will und das sich auch etwas bildlich vorstellt und empfindet.“ Im Denken verhalte ich mich zu all dem. Denken ist das Zwiegespräch mit sich selbst, das wir mehr oder weniger bewusst wahrnehmen. An diesem Ort des Zwiegesprächs mit uns selbst stellen wir uns zur Rede, da verarbeiten wir Erlebtes, das zur Erinnerung wird, da bejahen oder verneinen wir unser Tun und Wirken. Denken ist immer schon Pluralität, weil wir zwei in einem sind, Denken ist Logos und Dialog.

Wir haben uns in unserer abendländischen Geschichte ein bestimmtes Bild vom Denken gemacht, das uns und unser Zusammenleben mehr prägt, als wir uns oft klar machen. Im Zuge der Vorherrschaft der Naturwissenschaften in oft unheilvoller Verschränkung mit Technik und Ökonomie ist auch unser Denken zunehmend technisch geworden. Unter Denken verstehen die meisten Menschen heute rationales Betrachten und Abwägen von Fakten und Ursachen, das nichts mit Gefühlen zu tun hat. Kopf und Herz triften offensichtlich heute mehr denn je auseinander. Wir erleben das kühle Berechnen, Argumente, die kalt lassen, oder die unangenehm kitschig anmutende Sentimentalität bzw. blinde Empörung. Dabei können wir Menschen – so das Thema einer großen Philosophietradition – auch mit Gefühl denken.

Veränderung in der Welt beginnt mit einer Veränderung unseres Denkens. Dazu braucht es ein Nachdenken darüber, wie wir überhaupt denken. Um zur besten Version unserer Selbst zu werden, könnte es ratsam sein, von einem technisch gewordenen Denken aus wieder zu einem „besinnlichen Denken“ zurückzufinden, das – so formulierte es ein großer Philosoph – geeignet ist, dem „ruhigen Wohnen des Menschen zwischen Himmel und Erde“, „dem Aufenthalt zwischen Geburt und Tod, zwischen Freude und Schmerz“ zu entsprechen. Eine solche Art des Denkens kann in der Frage leben. Es hütet sich davor, für die Fragen des Lebens Antworten in Form von Formeln zu finden. Es ist eine Art von aufmerksamem Hören auf das, was gehört sein möchte. Es ist Staunen, das sich für das Rätselhafte öffnet. „Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste.“ Schreibt Hölderlin mit Bezug auf Sokrates und man könnte daraus folgern, dass die Liebe zu allem Lebendigen darin gründet, dass wir Tiefstes gedacht haben. Beim Denken geht es um unser In-der-Welt-sein im umfassenden Sinne, nicht einfach nur als Ausgebildete für eine Arbeit. Die beste Version unserer Selbst werden wir als dialogisch Denkende, indem wir ein tiefes Verständnis entwickeln für die vielen Möglichkeiten, ein menschliches Leben zu leben.

Warum Werkstatt?

Die Werkstatt steht für eine ganz bestimmte Art von Beziehung zwischen Mensch und Material. In der Werkstatt ist der Mensch im Dialog mit dem, was er mit der Hand formt. Das Ergebnis kann am Anfang des Prozesses nie exakt festgelegt sein so wie beim Industrieprodukt, das nach einem im voraus bestehenden und festgelegten Plan gefertigt wird. Der Dialog zwischen dem Begreifen mit der Hand und dem Begreifen mit dem Kopf findet in der Fabrikproduktion nicht statt. Der Handwerker ist wie der Künstler also im Dialog mit dem zu Erschaffenden. Er weiß zwar, was er erzeugen möchte, lässt sich jedoch inspirieren von dem Gegenstand, den er vor sich hat. Das Produkt ist nie rein die vom Menschen gehegte Absicht. In dem Prozess der Entstehung ist etwas, das nicht nur Mittel zum Zweck ist, sondern das sich in seinem eigenen Wert zeigen darf.

Wir selbst und die Sache, über die wir nachdenken, dürfen sich in der Denkwerkstatt in seinem eigenen Werte zeigen. Es gibt kein vorgefertigtes Ergebnis oder eine insgeheim gehegte Absicht. Es geht nicht um den Schlagabtausch verschiedener Argumente, nicht um Wissen oder Besser-Wissen, sondern darum, Fragen nicht mit schnellen Antworten zum Stillstand zu bringen.
Das gemeinsame Denken in der Werkstatt lässt sich vergleichen mit dem Gestalten einer Plastik oder Skulptur, die jeweils einzigartig ist, weil Menschen und nicht Maschinen kreativ am Werke sind.

Ich bin der Überzeugung, dass wir auch die drängenden Probleme unserer globalen Weltordnung im tieferen Nachdenken angehen sollten. Ein „besinnlich“ gewordenes Denken könnte uns helfen, das Verhältnis von Mensch, Natur und Technik neu zu bestimmen. Das rationale, rein naturwissenschaftliche Denken ist zu einer Hybris geworden, die scheinbar alles machbar macht, was wir uns jemals erträumt haben. Ist das, was wir uns erträumt haben, noch vernünftig? Macht es uns wirklich satt? Und was ist eigentlich „genug“? Unsere Philosophietradition hat unsere Art und Weise zu denken tief geprägt. Und die von uns selbst geschaffene Technik und Produktionsweise, die wir heute weniger denn je wirklich verstehen können, tut ihr übriges dazu, dass wir nicht Meister unseres eigenen Lebens werden. Unsere eingefleischten Überzeugungen über die Natur und unser Verhältnis zu ihr sind die Grundlage auf der wir unsere Welt, wie sie heute ist, eingerichtet haben. Eine Neuverortung als dialogisch denkende Wesen in gegenseitiger Verbundenheit mit allem, was lebt, ist für mich eine Voraussetzung für wirklich tragfähige Lösungen angesichts der anstehenden Herausforderungen. Wir fragen anders und tiefer, wenn wir noch nicht wissen und uns öffnen für den Dialog mit Menschen, Tieren und der Natur, in der und von der wir leben.

Ich denke, dass Philosophen heute mehr zu sagen haben als Betriebswirtschaftler, Physiker oder Techniker. Beim gemeinsamen Denken in der Werkstatt, beim Philosophieren als Staunen können wir als Menschen wieder etwas zurückgewinnen: Nämlich Zwecke, Ziele und Visionen anstatt bloß Mittel zum Zweck zu bleiben im globalen durchkalkulierten System. In diesem Sinne möchte ich mit meinen Denkkursen, Denkabenden und Einzelgesprächen Räume für Selbstbildung schaffen, in denen sich der Mensch und das Leben, wie es sich im Dialog zeigt, in seinem Wesen zum Ausdruck bringen darf.

Denkwerkstatt im Herrmannsdorfer Gutshaus

Meine Überzeugung und philosophische Verortung ist nicht allein an der Lektüre philosophischer Schriften gewachsen. Sie speist sich in erster Linie aus meinem intensiven, leidenschaftlichen Leben und Arbeiten in und mit der Natur, umgeben von Schönheit und in der Anteilnahme für Menschen, die täglich handwerklich arbeiten, um für uns alle, auch für die Denker, das wichtigste zu erzeugen, was wir brauchen: Lebens-Mittel. Es sind Erfahrungen und ganz konkrete Geschichten, die ich zwanzig Jahre lang sammeln durfte und die im besinnlichen Denken gereift sind.

Dass ich meine Denkkurse und Denkabend an den Wursttheken unseres Unternehmens verkaufe, ist also Programm der Denkwerkstatt, ebenso der Ort an dem sie stattfinden: Mitten im Leben und in einer Umgebung, die schön ist. Es geht beim Denken sozusagen um die Wurst. Und die Schönheit und Kunst in und um Herrmannsdorf schafft ganz besondere Räume für Begegnung mit der Natur, den Tieren und mit einem einmaligen Projekt, das vom Acker bis zum Teller wieder zusammenbringt, was in unserer arbeitsteiligen Wirtschaft und Industrie auseinandergerissen wurde. Hier erfahren Sie mehr über die Herrmannsdorfer Philosophie.

Vielleicht schauen sie einmal in die Augen eines Schweins oder eines Huhns? Sie werden staunen, was da passiert. Oder Sie hören beim Spazieren durch die vielgestaltige Landschaft, vorbei an Hecken und Sträuchern den Radau der Vögel, wenn die Tage länger werden. Haben sie schon einmal an einer Handvoll Boden gerochen? Und das tiefe Wurzelwerk unter der Erde bestaunt? Vielleicht schauen sie auch mal durch das Fenster in die Wurstküche und bekommen dabei eine Ahnung, wie gute Würste entstehen. „Würste sind eine angenehme Gesellschaft für einsame Seelen“ – sagt ein Sprichwort oder „Rache ist Blutwurst, Leberwurst ist Reue“ – vielleicht denken wir auch darüber mal nach in der Denkwerkstatt. Natur, Ästhetik und das Handwerk entfaltet an diesem Ort seine öffnende Kraft und lädt zu einem besonderen Dialog und zum Denken ein. Wir philosophieren hier nicht unter dem Neonlicht typischer Universitäten, sondern an einem Ort, in dem das Leben stattfindet. Darum heiße ich sie ganz herzlich willkommen in unserer Stube im Gutshaus in Herrmannsdorf!

„Das Verstehen nämlich ist – im Unterschied zur fehlerfreien Information und dem wissenschaftlichen Wissen – ein komplizierter Prozess, der niemals zu eindeutigen Ergebnissen führt. Es ist eine nicht endende Tätigkeit, durch die wir Wirklichkeit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heißt durch die wir versuchen, in der Welt zu Hause zu sein.“
Hannah Arendt in „Denken ohne Geländer“